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Raymond Federman ist gestorben

Variationen des Überlebens
Ein Spieler um Leben und Tod – der Schriftsteller Raymond Federman ist gestorben

as. ⋅ In einem Schrank verborgen entkam Raymond Federman, vierzehnjährig, im Sommer 1942 einer Razzia der französischen Polizei, die im Auftrag der Gestapo Paris nach jüdischen Bürgern durchkämmte; die Eltern und die beiden Schwestern wurden deportiert und in Auschwitz ermordet. Diesen Moment seiner «wirklichen Geburt» – einer Geburt in Finsternis, Einsamkeit und der lastenden Schuld des Verschontbleibens – umkreist und umspielt das Schaffen des Autors, der 1947 in die USA emigrierte und in seinem Schreiben neben dem Englischen auch dem Französischen verpflichtet blieb. Mit 81 Jahren ist er vergangene Woche einem langjährigen Krebsleiden erlegen.
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Zuletzt das Lachen
Kurz vor seinem Tod habe der Vater, schon jenseits der Sprache, ihr signalisiert, dass sie nicht weinen solle, schreibt Federmans Tochter auf dem Blog des Autors. So hielt sie ihre Tränen zurück: «Ich sagte ihm, ich hätte verstanden, denn er hat mich gelehrt, was Lachen ist.» Es ist vielleicht das Kostbarste, was sich aus dem Leid destillieren lässt: die Kraft, sich ohne zu vergessen, doch auch ohne Verbitterung wieder dem Leben zuzuwenden. Von ihr zeugt das Werk, das Federman hinterlässt.
NZZ, 12 Oktober 2009
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Billard mit Beckett, Golf mit Gott
Eine Erinnerung an Raymond Federman


Am 6. Oktober ist Raymond Federman in San Diego, Kalifornien, im Alter von 81 Jahren gestorben. Die Nachricht erreicht uns in einer E-Mail mit seinem Absender, darin eines seiner liebsten Synomyme (oder Pseudonyme) steckt: moinous. Geschrieben von seiner Tochter Simone. In der letzten Nacht, er konnte nur noch mit den Augenbrauen kommunizieren, hat sie ihrem Vater das Buch vorgelesen, in dem sich sein Leben, sein Überleben zugleich verbirgt und offenbart: „The Voice in the Closet“ (Die Stimme im Schrank, 1989 auf Deutsch erschienen).
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Moinous. Ich, wir. Das Ego und die anderen. Die Lebenden, die Toten. Autobiografisch sind alle seine Bücher, jedes einzelne eine Wiedergeburt. „He, ihr, ihr da, aufwachen, es geht wieder los, die ganze Chose noch einmal, aber dieses Mal ohne das übliche Gefasel, die Geschichte eben, die wirkliche ...“. So wie sein Roman „Die Nacht zum 21. Jahrhundert“ beginnt, so heben sie immer wieder an, die vielen Federman-Titel, kreisend um ein Ego, das wächst, das über sich hinauswachsen will, das so einnehmend und ausgreifend, zuweilen überwältigend ist; eingeschlossen in die Fruchtblase jenes Schranks.
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Mann der Feder. Homme de plume. Federman, der die Bälle in der Luft hält. Spielt Billard mit Beckett. Fegt jeden vom Tennisplatz, der glaubt, es mit ihm aufnehmen zu können. Lässt sich in Kalifornien nieder, weil das Wetter dort günstig ist für seine große Leidenschaft: Golf. Ein Teil seiner Asche soll auf dem Golfplatz verstreut werden, vielleicht auch im Kasino. Spielen, aufschlagen, das Handicap verbessern, bis zuletzt.
Rüdiger Schaper, Tagesspiegel 12.10.2009
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Zum Tode von Federman
Die Kindheit, die nicht mehr zu retten war


"Pssst", ein Zischen, die eindringliche Aufforderung zum still sein - das war das Letzte, was Raymond Federman von seiner Mutter hörte, als sie ihn am frühen Morgen des 16. Juli 1942 im Wandschrank versteckte, derweil die Gestapo mitsamt der französische Miliz bereits im Treppenhaus zu hören war. Hausdurchsuchung. Im Pariser Vorort, wo die Federmans wohnten, und in ganz Frankreich: Am "Jour de La Grande Rafle " wurden 12.000 Juden verhaftet. Die meisten von ihnen überlebten nicht, sie wurden in deutschen Konzentrationslagern ermordet.
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Als "Pssst! Geschichte einer Kindheit" 2008 in deutscher Übersetzung erschien, war Raymond Federmans Lesern die Schrank-Episode längst bekannt. In zahlreichen Versuchen und Varianten hat er sich immer wieder diesem traumatischen Ereignis genähert. Federman verdankt sein Überleben dem Opfer eines anderen. Von seiner Mutter wie von seiner Kindheit überhaupt ist ihm nicht viel mehr als die Erinnerung an diesen letzten Augenblick des Abschieds geblieben - an das lebensrettende und deswegen über alle Maßen bedeutsame "Pssst".

Die Frage nach der Schuld des Überlebenden hat Federman Zeit seines Lebens beschäftigt: "Warum ich? Warum nicht meine Schwester Sarah, die zwei Jahre älter war als ich und die sich besser hätte durchschlagen können?" Wie also über die eigene "Schuld" sprechen und darüber, dass die Erinnerung von nicht mehr als einem Zischlaut überdeckt oder blockiert wird? Federman hat diesem Umstand vor allem in seinen Romanen immer wieder Rechnung getragen, indem er Fiktion und Fakten - etwa eine Fotografie seiner Mutter, Deportationsprotokolle - miteinander verwebt, getreu nach der einzigen möglichen historiografischen Maxime: "Ich rekonstruiere mit Wörtern, was ich glaube, was meine Kindheit war. Ich erfinde sie neu."
Christian Schlüter, Frankfurter Rundschau, 11.10.2009





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Das Sprechverbot wird Sprachgebot

Raymond Federman lässt das Lachen und die formalen Experimente fahren: In "Pssst!" erzählt er die beeindruckend-bedrückende Geschichte seiner Kindheit, die eine des Überlebens ist


Es ist nicht das erste Mal, dass Raymond Federman von dieser Urszene erzählt. Vielleicht muss man sogar sagen, es ist einzig und allein diese Szene, um die seine Bücher wie um eine große Leerstelle kreisen: "Pssst", flüsterte seine Mutter, dann schob sie den Sohn in die Abstellkammer im Treppenhaus und machte die Tür hinter ihm zu.

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Federman aber hat nicht ein Leben lang geschwiegen, und das war vermutlich seine zweite, seine eigentliche Rettung oder, wenn man so will, seine dritte Geburt: Er hat das Sprechverbot gebrochen, hat es verwandelt in ein Erzählgebot, er hat geschrieben, hat Bücher auf Französisch geschrieben, auf Englisch, auf Kauderwelsch, wie er gern sagt, er hat das Autobiographische mit dem Fiktiven vermischt, das Erinnerte mit dem Erfundenen, die Literatur mit der Literaturkritik; er hat um sein Leben geschrieben, erzählt, mit Witz, Ironie, er hat neue Formen ausprobiert, um die große Leerstelle zu umkreisen und zu benennen.

Federmans Bücher sind die Antwort auf die Frage: Warum er? Warum nicht eine seiner Schwestern? Warum hatte seine Mutter ausgerechnet ihn in die Abstellkammer geschickt und nicht die ältere Sarah oder die schöne Jaqueline? Weil sie den Sohn vergötterte, weil er den Namen weitertragen würde, aber auch und vor allem, weil sie wusste, dass er eines Tages erzählen, berichten, bezeugen würde: "Dieses Pssst war das erste Worte des Buches, von dem meine Mutter wusste, dass ich es eines Tages schreiben würde. Ja, meine Mutter wusste, wer ich war und was ich werden würde."

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Zehn Jahre später kehrte der Erzähler erstmals in das Elternhaus zurück und musste feststellen dass auf dem Dach von seiner Scheißangst nichts übrig geblieben war. Keine Spur. Nur die Erinnerung. Und dann, irgendwann, aus dem Abstand eines neuen Lebens, das seltsame Wissen, dass aus ihm, dem Kind, dem Erzähler, dem Autor, dem Rentner aus San Diego, ohne den Holocaust vermutlich ein Schneider geworden wäre, bestenfalls ein schlecht bezahlter Lehrer in der französischen Provinz, aber kein emeritierter Literaturprofessor und Schriftsteller, kein Geschichtenerzähler und Golfspieler.

"Pssst" ist ein so eindrucksvolles Buch, weil Federman zum ersten Mal die "unverzeihliche Ungeheuerlichkeit" nicht durch Lachen oder formale Experimente oder Sprachspiele zu entschärfen versucht. Sein Ton ist selten ernst, aber nicht gefühlig und deshalb eindringlich. Er legt hier das persönliche Zeugnis seines Überlebens vor, das die autobiographischen Lücken zwischen "Die Stimme im Schrank" und "Return to Manure" schließt, und geht doch weit darüber hinaus. Denn dieses Buch ist auch eine Anklage. Es ist die schonungslose Abrechnung mit denjenigen seiner Familie, die sich das Überleben leisten konnten: Hatte nicht seine Mutter der eigenen Schwester ins Gesicht gespuckt, als diese vorschlug, die Flucht für die Schwester und ihre Kinder, aber nicht für den Versager von Schwager zu bezahlen? Hatte nicht auch die Großtante Basha, nachdem er und sein Cousin sie aufgesucht und gewarnt hatten, ganze Bündel von Banknoten und ihr Silber in ihren Koffer geworfen, um dann in ein Taxi zu springen und den verdutzten Kindern, die dachten, sie würde mit ihr fliehen dürfen, ein letztes Mal zuzuwinken?

"Es ist nicht genug betont worden", schreibt Federman, "dass es vor allem die armen Juden waren, die bei der Grande Rafle verhaftet worden sind. Ja, die armen. Die, die sich nicht einmal Zugfahrkarten leisten konnten. Die, die von ihrer Familie im Stich gelassen wurden, wie meine Eltern." Wie beiläufig endet Federman mit etwas, das auf den ersten Blick wie eine Anekdote wirkt: An einem seiner Geburtstage hatte seine Mutter ihm ein Schokoladenéclair gekauft und mit den Worten in die Hand gedrückt, er möge es sofort essen und ja den Schwestern nichts sagen: "Meine arme Mutter, die es sich an diesem Tag nicht leisten konnte, drei Éclairs für ihre Kinder zu kaufen."

So wird das Éclair auf seltsame Weise zum Beleg bohrender Armut und zum süßen Zeichen der Bevorzugung. Es ist zugleich das bittere Symbol für das vergiftete Geschenk des Überlebens. Federman schuldet seiner Mutter das Leben und begleicht seine Schuld mit Worten. Er hat sich sein Leben erschrieben. "Dieses Buch" - so lautet der letzte Satz - "ist für meine Mutter".

Martina Meister, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 9.12.2008